Carl Constantin Weber

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Venedig Zeichenexkursion, 5. Tag

Zeichnen wir in der „Calle del Morte“ oder in der Sonne?

Exkursionsleitung und Teilnehmer verpassten sich am Morgen am verabredeten Treffpunkt… die Vaporettohaltestelle fing doch irgendwie mit „Z“ an… Zattere und Zaccaria ist nicht der selbe Ort. SMSe schwirren hin und her, wir sind hier, wo sind Sie?

So war ausgiebig Zeit die geeignete erste Perspektive festzulegen, bevor die Zeichner eintrafen. Mein Favorit lag (wie immer) im frostigen Schatten, mit Ausblick auf wunderbare Licht Schattenkontraste und viele Überschneidungen. Die tiefe Wintersonne bringt es so mit sich, dass die besten Motive vom Schatten aus am besten wirken.

Mit Rücksicht auf meine Kundschaft entschloss ich mich dann aber doch für den Standort, den auch eine Katze gewählt hätte: schön warm in der Sonne, gegen das Licht, warme Wand im Rücken und die Perspektive plan… zeichnerisch war das nicht die beste Entscheidung, aber atmosphärisch hätte ich es nicht besser treffen können. Als die ver(w)irrte Gruppe eintraf lag allen ein breites Lächeln auf den Lippen, im Angesicht der in der Sonne wartenden Zeichenbetreuer auf ihren Schemeln.

Dieses Lächeln sollte uns heute nicht mehr verlassen. Das Wetter hatte ausgezeichnete Laune und so auch wir. Auf San Marco zeichneten wir unsere erste Postkarte. Eine Japanerin mit sportreporter-tauglicher Kameraausrüstung entdeckte uns und schoss – in Kampfstellung hockend – von uns Serien von Bildern, wie von einer Gruppe seltener Menschenaffen, die bisher unentdeckt geblieben waren. Wir hatten sogar Zeit sie auf unsere Zeichnung zu bannen, was wiederum mit einer Serie Bildern beantwortet wurde. Ich drückte ihr mein Telefon, für ein Erinnerungsbild in die Hand, um gleich von ihr ein iBook gereicht zu bekommen, mit dem ich sie ablichten musste.

Als zeichnerische Sorgenkinder stehen, neben der vielleicht untherapierbaren Horizontbestimmungsschwäche, die harte Umrandung des Objektes und die lose Sammlung von unwichtigen Einzelteilen hoch im Kurs. Aus diesem Grund zeichnen wir immer wieder Gegenlichtsituationen, um das gnädige Zusammenziehen von Formen zu üben. Es sieht so aus, als ob eventuell die Entdeckung des Horizontes kurz bevor steht, den zaghaft gibt es interessierte Fragen nach dem Sinn der Methode mit dem Bleistift zu messen. Bisher hielt man den Bleistift eher aus modischen Gründen gekonnt vor das Auge, sieht irgendwie professionell aus. Alles wird gut…

Weil es auf dem sonnigen Platz so gemütlich war, wurde das zweite Motiv gleich in einen schattigen Hinterhof verlegt. Genau der richtige Ort, um den dritten Fluchtpunkt an einem Turm mit Wendeltreppe zu erklären. Vielleicht hilft ja das Konzept der totalen Überforderung. Alle strichelten an der Grenze zum Wahnsinn, einschliesslich des Betreuungspersonals. Am Ende sah man einiges an soliden Ergebnissen. Als wir aus dem engen Tor des Hinterhofes traten, fühlten wir uns wie im Aufwachraum nach überstandener OP.

Die anschliessende Mittagspause mit venezianischem Fingerfood war wohlverdient, irgendwie war nun alles egal und die Sonne schien immer noch! Der schöne und verwirrende Spaziergang durch das Labyrinth vom Sestiere San Marco führte uns auf einen langen schmalen Platz, auf dem sich die Geräusche von gedämpften Stimmen und klirrenden Gläsern fingen. Nur um auf diesem Platz bleiben zu dürfen willigten alle sofort ein, hier eine Perspektive zu wagen. Fies war nur, dass im Vordergrund die voll besetzten Restauranttische das Motivzentrum bildeten. Dieser Umstand wurde von den willigen Opfern leider erst beim Füllen des Blattes bemerkt. Es gab also kein Entrinnen. Die Blätter werden besser.

Wir beschlossen, die Architekturfakultät von Scarpa noch einmal zu besuchen, um uns dort umzusehen. Der Weg führte durch das lebendige Dorsoduro, mit unabänderlichem Stopp am Café Rosso, auf dem Campo Santa Magherita. Man sollte seinen Reisebegleitern nicht diesen wichtigsten Treffpunkt studentischen Lebens vorenthalten.

Das zur Architekturschule umgebaute ehemalige Kloster zeigte uns, dass es nicht immer das Bauhaus sein muss. Neugierig wurde, alles was offen und betretbar war, besichtigt.

Dies war unser letzter Tag auf der Hauptinsel. Morgen schippern wir mit dem Vaporetto durch die Lagune und besuchen die Ursprünge dieser grossartigen Stadt. Torcello, Mazzorbo, Murano.