Carl Constantin Weber

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Venedig Zeichenexkursion, 4. Tag

Verkürzung kommt von Verkürzen.

Wer in Venedig zeichnen möchte, sollte wissen, dass dies nie eine private Angelegenheit wird. Um solche Illusionen gleich im Keim zu ersticken wählten wir als erstes Motive den Aufgang der Rialtobruecke, mitten im Einkaufstrubel. Anfänglich waren wir vor einem geschlossenen Schmuckgeschäft positioniert,  nach 15 Minuten wurde daraus ein geöffnetes Schmuckgeschäft, jedenfalls versuchte die Verkäuferin dies in ein Solches zu verwandeln. Papierkörbe und Schirmständer wurden umständlich zwischen unsere Stühlchen geschleppt, schon sauberst polierte Schaufenster wurden erneut gereinigt… „you can’t sit here, you can’t ist here“… da heisst es ruhig zu bleiben und den Zeichenblock konzentriert anzustarren.

Mitten in diese meditative Stimmung platzte der Anruf unseres Gastes und Zeichenprofis Wolfram Gothe, den wir versehentlich in der Wohnung eingeschlossen hatten und der am Telefon inständig darum bat ihn aus dieser misslichen Lage zu befreien…“holt mich hier raus!“ Dummerweise hatten wir ihn umbemerkt in unserer Wohnung in einem anderen Stadtviertel eingesperrt. Eine längere Vaporettofahrt war nötig, um ihn an die frische Luft zu lassen.

Im etwas kalten Schatten, zwischen Fischresten, fanden wir eine schöne neue Perspektive auf den Fischmarkt.

Die Zentralperspektive! Ein dankbares Motiv für Studenten, die schon genug mit dem Finden des Horizontes zu tun haben. Heute haben wir ein neues Problem entdeckt, es macht sich nämlich nicht so gut, wenn man die Verkürzung der Abstände beim Fluchten des Motivs einfach weglässt. Die steten Appelle solche Abstände doch einfach mal vergleichend zu messen finden bisher nur zögerlich Gefallen. Es verkürzt so schön die Arbeit, wenn man die Verkürzungen wegkuerzt, nebenbei leider auch die Räumlichkeit.

Das Renaissanceschmuckkästchen San Miracoli kommt als nächstes dran. Ein wunderbar homogener Marmorbau ohne größere plastische Tiefen. Ein Hauch an Schattenbildung, rein und weiss, umgeben von kleinteiliger Wohnbebauung. Die Sonne wärm die vom Fischmarkt ausgekühlte Klientel angenehm auf, Milchkaffee wird gereicht und kleine süße Teile. Auf den Blöcken sieht man schon guten Fortschritt, aber auch erstaunlich viele andere mögliche Proportionen, in denen diese Kirche auch interessant ausgesehen hätte, oder auch nicht.

Ein Abstecher zum Colleoni, zur Scuola San Marco und der wunderbaren gotischen Zanipolo. Weiter zum Arsenale. Mit dem Vaporetto zur Salute, dieses städtebaulichen Monument, in seinem tiefplastischen Barock, als Kontrast zur sensiblen Miarcoli zuvor. Hier zeichnen wir unser letztes Blatt des Tages mit klammen Fingern, bei schöner Gegenlichsituation, die Sonne geht unter.

Zeit für Spritz und Besteck.