Carl Constantin Weber

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Venedig Zeichenexkursion, 3. Tag

„Houston, wir haben ein massives Horizontprobleme!“

Schon im Morgengrauen, beim Joggen, deutete es sich an: splendid day!
Wie immer – als alter Venezianer – schnell im Stehen auf der Strasse gefrühstückt und mit der temporären WG zum Treffpunkt geeilt.
Traghetto zum Rialtomarkt. Leider klappt das Einsteigen nicht so souverän wie geplant, nach dem dritten Studenten der Hochschule Anhalt fällt dem Gondoliere auf, dass wir keine Eingeborenen sind, nun verlangt er den Touristenpreis… die mit im Boot stehenden Venezianer ertragen unsere zögerliche Zahlungsmoral mit Würde. Wir setzen über.
Erstes Blatt: Bei strahlendem Himmel und knallharten Kontrasten, eine Marktszene. Ein Gemüsehändler, leicht beunruhigt von der auf niedrigen Klapphockern kauernden Fremden (beten die nach Mekka?), versucht zu intervenieren: “ Sie sitzen vor einem Geschäft, bitte weg hier!“ Unsere Entgegnung, dass das Geschäft offensichtlich geschlossen ist, führt zum Ziel, obwohl er darüber nicht besonders begeistert scheint. Stoisch kratzen die Bleistifte über die Blöcke, und… es deutet sich ein immer offener zu Tage tretendes Problem an: wir haben Horizontprobleme. Unsere zeichnende Kundschaft braucht dringend eine Horizonterweiterung. Überhaupt, was ist ein Horizont und wozu braucht man solchen beim Zeichnen? Wenigstens klappt die kontrastreiche Schocktherapie des harten Sonnenlichtes, es wird schattiert bis die Handrücken metallisch glänzen.
Zweites Blatt, zweite Chance: Canal Grande in der Kurve, frontal Fondaco dei tedeschi und Gondelzeugs. Gegenlichsituation, Schlagschatten satt, jetzt hilft nur ein 8B Bleistift. Was ist eine malerische Zeichnung? Keine Ahnung, aber wozu braucht man einen Horizont?
Z.B., um das Wasser von Kanal horizontal fliessen zu lassen, oder zu verhindern auf Wasserhöhe die Vogelperspektive zu wählen. Trotz Vogelperspektive wird aber auch gerne eine Aufsicht auf 15 Meter hohe Dächer dazugedichtet… es gib viel zu tun.
Das Wetter hilft, dass es trotz allem Spass macht. Wir rennen durch die Stadt und erarbeiten uns Sestiere für Sestiere. Tolle Renaissance ist zu sehen, byzantinischer Einfluss überall.
Die Venezianer sind verdammt gut gekleidet, wir haben dafür schöne Zeichenblöcke. Manchmal wird man durch anerkennendes Nicken belohnt.

Die ganze Stadt scheint mit uns gerechnet zu haben, an jeder Ecke werden Snacks, tolle Crostinis, Bacalao und Lardobrote feilgeboten. Sind wir durstig, steht sofort eine Bar bereit uns einen Schluck zu servieren. Wunderbar, unser Studentenwerk müsste hier mal auf Bildungsreise gehen.
Dritte Zeichnung: die gotische Frarikirche. Hier liegt Canova begraben und Donatello hat eine Holzskulptur für die Einrichtung geschnitzt.
Zentralperspektive mit starker Untersicht. Das horizontale Gewerbe will nicht gelingen. Da, wo starke Untersicht herrscht, sind die Fluchten horizontal, wo die Augenhöhe gemeinhin vermutet wird (nämlich auf Augenhöhe) sind stürzende Linien gezeichnet, die verflucht starkes Gefälle aufweisen.
Drittes Blatt, jetzt muss etwas Klares und deutliches her… in San Polo werden wir fündig, ein Bau wie ihn nur das Abendland hervorbringt. Wuchtige geometrische Grundkörper, Zylinder, Kubus, Zylinder, nochmal Zylinder, Dreieck stecken ineinander und bilden eine archaische Kirche. Diese schlichte und eindrucksvolle Volumensammlung soll gezeichnet werden. Nun klappt es schon besser. Wir frieren kollektiv im Schatten und modellieren dieses christliche Schlachtschiff aufs Blatt. Zwar gibt es auch hier wieder einige horizontale Irrtümer zu bewundern, aber Alles in Allem scheint es besser zu gehen.
Zum Feierabend noch eine Führung ins Ghetto und danach eine Inselumrundung im Vaporetto. Auf dem Wasser kann man viel Horizont beobachten, vielleicht hilft das für Morgen.
Die Reisegemeinschaft ist jedenfalls eine angenehme und der Wille zum Arbeiten gross.