Carl Constantin Weber

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Projekt Roda Wogn, Teil 1, embedded Puppenmacher

09.-11.01.20 die Tournee,

In der Kantine des Salzburger Argekultur-Hauses hockte ich auf einem Holzschemel und rührte in meinem Grünen Tee. Der Tee sollte mich beruhigen, denn ich fühlte  mich irgendwie fehl am Platz  und angespannt. Draussen vor der großen Scheibe war Salzburg nicht als die gewohnte Puppenstube ansichtig, sondern schaute mit grauem Vorortgesicht zu mir hinein. Immerhin war es kälter als bei uns daheim, die Berge in der Ferne zeigten Winterhauben. 

Aus den Weihnachtsferien hatte mich der Zug von Potsdam nach Österreich gebracht, aus der Semesterpause direkt hinein in ein mir noch fremdes und unkalkulierbares Projekt. Ich hatte als erster einer Gruppe von Personen, die sich in Salzburg traf, im Hotel eingecheckt, das mir ein Freund und seine Frau gebucht hatten. Er war ein bekannter österreichische Liedermacher und seine Frau Grafikerin und für den ganzen gestalteten Auftritt seiner Bands zuständig. Ich kenne die beiden seit ca. 30 Jahren.  

Nach meiner Ankunft im Hotel war ich allein durch die Stadt getrottet und durch Zufall in der Schwarzstrasse am Salzburger Puppentheater hängen geblieben. Es war mir bis zu dem Moment unbekannt gewesen, obwohl ich als Puppenmacher in der Stadt war. Puppenmacher war ich noch nicht lang, ob ich mich überhaupt so bezeichnen darf bleibt unklar.

Begonnen hatte die Puppenmacherei durch einen weiteren Zufall ca. 2 Jahre zuvor. Von 2019 – 2020 hatte ich an einem immer größer werden selbstgemachten Projekt gearbeitet, bei dem ich eine Reihe Handpuppen aus Porzellan fertigte und Kostüme nähte, eine fliegende Bühne baute und ein Theaterstück erfand. Die überraschenden Erfahrungen mit diesem Puppenspiel, die Freude der Kreation an diesem handlichem Völkchen und die danach zurückschwappenden Reaktionen von den Menschen um mich herum, zeigte mir auf der Spur nach etwas Neuem zu sein, davon wollte ich mehr. Dass, was ich da produzierte ging mir gut von der Hand, schlecht von der Hand ging mir Werbung und der Schritt hinaus. Ich suchte nach einem Weg, die Puppen nach draussen in die Welt zu bringen, ich brauchte eine wirkliche Bühne als Experimentierfeld und diese Bühne sollte nicht eine passende Puppenbühne sein, sondern die Puppen als ein überraschendes Moment benutzen. 

Obwohl es mir ungewohnt ist andere Menschen in meine künstlerischen Projekte einzubeziehen, entschloß ich mich meine alte Freundin Veronika und ihren Mann Ernst anzurufen und meine Puppen (eigentlich neu zu schaffende Puppen) anzubieten. Dem Wiener Sänger und Songschreiber Ernst Molden schlug ich vor für ein nächstes Musikprojekt eine passende Welt von Puppen etc. zur Verfügung zu stellen.  Ein Abfolge von Nachrichten und Telefonaten später gab es eine Entscheidung und einen nahen Termin. Anfang Januar konnte ich Backstage eine Kurztournee begleiten, um dort die vorgeschlagene Band kennenzulernen. Die Vorstellung als „embedded Puppenmacher“ eine Konzerttournee aus dem Inneren zu erleben war schwer auszuschlagen.

Vom Salzburger Marionettentheater machte ich mich auf den Weg zum ersten Konzerttermin in der Argekultur. Ich war zu früh angekommen, vor der Band, und hatte ausgiebig Zeit mich mit meiner Rolle auseinanderzusetzen. Irgendwann war  der Tee getrunken und niemand hatte mich von meinem Hocker erlöst, ich ging zum Bühneneingang und klopfte. Es öffnete sich eine Tür und ich stand mit meinem Bleistift und Block und einer vagen Idee vor  4 Profimusikern in einem verrauchten Raum ohne Tageslicht. Die Band war routinierten in ihrem Backstage Bereich beschäftig, meine Rolle war ungeklärt.

Nach der Begrüßung und kurzem Vorstellen schien die Band in der Künstler-Garderobe, scheinbar unberührt, ihre Rituale weiter zu verfolgen, während ich dazwischen weilte. Während ich zu Zeichnen begann glaubte ich zu bemerken, dass auch bei den Musikerinnen so etwas wie Nervosität herrschte. Als Fremder mit Stift und so genau hinguckend, war ich zwar kein raumfüllendes Fernsehteam, aber mindestens genauso irritierend. Da alle viel zu tun hatten wurde es für beide Seiten bald zu mühselig sich mit dieser neuen Situation weiter auseinanderzusetzen. Nach und nach entstanden erste Portraits, die Band war wieder mit sich selbst beschäftigt. Fragen, Antworten und Satzfetzen lösten den Abstand stückchenweise.

Es folgten zwei wunderbare Konzerte, gemeinsame Fahrten im Tourbus, witzige Absteigen, Proben, Spaziergänge und gesellige Mahlzeiten. Nach 2 vollen Tagen hatte ich knapp 90 Köpfe gezeichnet und die Menschen dazu kennengelernt. Die Tage waren intensiv. Wieder und wieder versuchte ich die Gesichter mit dem Bleistift hinzuschreiben und übte so die verschiedenen Typen zu verstehen, um später allein im Atelier diese imaginieren zu können. 

Mein eigener Kopf war gefüllt mit den Eindrücken von Mimik, Geometrie von Schädeln, Bewegungen, Kleidung und Wesen. Ich war mir nicht sicher, ob ich diese verschiedenen Menschen würde als Puppen auseinanderhalten können, wenn ich wieder in meinem Atelier allein wäre? Schon eine Person wäre für mich genug gewesen, nach diesen Tagen musste ich aber 4 Menschen bildhauerisch verstanden haben. Am Ende wurden es sogar 5 Menschen. Der Gedanke jederzeit wieder eine solche Tourbegleitung mitmachen zu können beruhigt mich vorerst. Wenn ich also nur zwei von ihnen würde in Puppen lösen können, dann würde ich einfach wiederkommen, für die übrig gebliebenen Charakter.

Einen Monat später war klar, dass ich mit dem was ich hatte würde auskommen müssen. Die Pandemie hatte Europa erreicht, ein Wiedersehen war bis auf weiteres passé.

Absehbar war dies bei unserem Abschied vor dem Hotel zum Glück nicht gewesen, als man mich verabschiedete.