Carl Constantin Weber

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Venedig Zeichenexkursion, der Tag nach dem Tag danach

Die Stadt vor dem Tag

Nur am Rande erwähnte ich bisher eine mir lieb gewonnene Tradition auf Exkursionen.

Vor dem Morgengrauen, wenn meine Schützlinge noch ihr nächtliches Symposium ausschlafen, pflege ich aufzustehen und die stille Stadt zu erkunden. Dies ist zwar relative überwindungsbedürftig (aufgrund des ausgedehnten Tagesprogramms und dem damit zusammenhängenden Schlafmangel), aber eine Art  wunderbarer Extrareise in eine heimliche Welt.

Normalerweise mache ich dies mit meinem Rennrad zwischen 6:00 und 8:00 Uhr. Ich fahre die späteren Tagesrouten ab, oder erkunde die räumliche Umgebung. Man fliegt im Morgengrauen durch eine fremde, noch schlafende Stadt und durchquert das städtische Raster im Schnelldurchlauf. Ein überdurchschnittlich räumliches Erleben ist der Lohn für die verquollenen Augen danach.

Hier in Venedig verbot sich das Rennrad und so packte ich ein neues Paar Laufschuhe in mein Handgepäck, knallrot und schön leicht. Jeden Morgen bin ich ca. 10km durch die Lagunenstadt gerannt, sah sie befreit von Touristen sich auf den Tag vorbereiten. Im Dunkeln riecht man intensiver, so dass die Bäckereien olfaktorisch, wie städtebauliche Landmarken, in der Luft schweben und das Tempo bremsen.

An diesem letzten Tag wollte ich die ganze Stadt, möglichst weit am Ufer entlang, umrunden. Ein etwas kühnes Unterfangen, denn wieder begann der Tag mit einem sich ankündigenden Hochwasser. Durch die Ritzen der Steine quillt es, wie träges Öl aus dem Boden und verbreitet sich schnell und lautlos. Ein horizontaler Spiegel schneidet die leichten topographischen Unterschiede des Untergrundes aus. Immer wieder wird man, durch sich auf die Straße entleerende Kellerpumpen erschreckt, die faulig riechendes Wasser aus dem EG auf den Weg spritzen. Ich umrundete trotzdem die Stadt bei aufgehender Sonne. Auf diesen 18 Kilometern kündigte sich ein Tag an, der schöner nicht werden konnte. Der Himmel war erst rot, gelb, dann wunderbar hellblau, bis ich wieder ins Hotel gelangte.

Auf meiner letzten  Wanderung mit Wolfram hatte ich mir zwei Orte gemerkt, die ich unbedingt zeichnen wollte. Ich durchquerte also die Sestiere, um dorthin zu gelangen. Bewaffnet mit meinem großen Block wählte ich aber den falschen Weg und musste umkehren.

Das sich immer attraktiver gerierende Licht machte mich zusehens nervös, denn eigentlich wollte jede Ecke gezeichnet werden. Ich musterte meinen großen Block und wurde skeptisch. Ließe sich damit schnell und spontan jede Lichtskizze wirksam einfangen? Als hätte die Stadt meine Gedanken geahnt stand plötzlich ein alter Bekannter vor mir, er hatte sich sehr verändert, war kleiner geworden und war an einem unerwarteten Ort, doch trotz all dieser Widrigkeiten erkannte ich ihn sogleich: Testolini!

Testolini war einst, vor knapp 20 Jahren, ein großer und gut sortierter Künstlerbedarf gewesen. Er nahm einen ganzen Häuserblock im EG ein. Ich kaufte immer wieder einen nur dort produzierten Block mit verlockend altgelbem Papier ein. Zwar gelang es mir nie mit diesem Papier etwas Anständiges aufs Blatt zu bringen, aber kaufen musste ich es dennoch, es war so hübsch…

Der sichtlich gealterte und geschrumpfte Testolini hatte also diese schönen Blöcke nicht mehr. Hat er gewusst, dass ich damit nicht zeichnen konnte? Ich kaufte ein anderes weißes und handliches Format und brachte meinen großen, schmalen Panoramablock ins ebenso schmale Hotelzimmer.

So neu bewaffnet entfaltete der Tag eine unerwartete Schaffenskraft, der ich mich kaum widersetzen wollte. Ich zeichnete hier einen Schatten, dort ein Gegenlicht, eine blitzende Yacht und die, wie Pantoffeltierchen emsig herumkurvenden Vaporetti. Schön und warm war es auf dem Campo Santa Maria Formosa. Dort setzte ich mich auf einen stabilen und hohen Waschbetonmülleimer, mit meinem Stühlchen und zeichnete den Platz direkt in der Sonne von leicht erhöhter Perspektive. Nicht einmal die Hunde bemerkten mich und pinkelten scheinbar ungestört an meinen Hochsitz. Ich hörte Musik und kritzelte ununterbrochen ein Blatt nach dem anderen. Am Ende hate ich neun neue Blätter zusammen.

Solche Ausnahmesituationen erlauben Ausnahmen, ein Besuch bei Al Mercà am Rialto konnte deshalb mit einer Spritzbestellung beginnen, anstatt eines untadeligen Gingerinos.

Na ja, irgendwann endete ich also wieder im El Portego. Richtig, die Gäste waren ausgelassen, es wurde wieder gezeichnet und das eine oder andere Getränk getrunken… usw.

Auf dem Heimweg sah ich, dass sich die Stadt immer mehr mit maskierten Karnevalisten zu füllen begann.

Auch dieser Tag kann als gelungen be(ge)zeichnet werden.