Carl Constantin Weber

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Projekt Roda Wogn, Teil 3, Der Dreh im Rabenhof

Rabenhoftheater, März 2021, Bilder von oben  Veronika Molden, sonst CC Weber

10.-12. März 2021, Eine Geschichte von Fleischköpfen und Porzellanköpfen

Schwechat, Wien.

Der junge Soldat hinter dem mobilen Holzpodest, der eigentlich einen Counter darstellte, war fesch. Sein Kakishirt wurde am Arm von einer Binde in den österreichischen Nationalfarben bekränzt. Er forderte mich freundlich auf meine Einreisepapiere an ihn auszuhändigen. Unter meinem Arm klemmte eine schmale Mappe in der sich ein ganzes Dossier an Formularen, Papieren und Briefen für das Betreten der Alpenrepublik in Zeiten der Kontaktbeschränkungen befand. Der Heeresangehörige kontrollierte alles genau und bemerkte, dass ich meinen Einreisegrund falsch angekreuzt hatte, änderte aber simultan und kulant das Papier für mich. Zu meiner Freude laß er auch das von Ernst Molden formulierten Passierschreiben, das meine unbedingte und unverzichtbare Anwesenheit in Wien beweisen helfen sollte. Ernst war es ein Spaß gewesen mein, ihm Monate zuvor ausgestelltes, preussisches Passierschreiben ebenso bürokratisch onduliert zu retournieren.

Der Soldat war mit dem Lesen fertig, senkte einen Moment seine Augen und sah mich dann mit aufgehelltem Gesicht an: „ Eine Filmproduktion also?“ Ich bestätigte. „Sie sind Künstler?“ Wieder bejahte ich und vermutete hinter der Nachfrage das übliche Klischee, aber dieses Gefühl war offensichtlich unangebracht, denn er sagte zu meiner Überraschung einfach nur: „Cool! Viel Spaß in Wien!“.

Diese Anerkennung des Soldaten für meinen extravaganten Zivilberuf erreichte mich unverhofft. Für die meisten Menschen der Gesellschaft ist mein Berufsfeld ein Anlass für ein wissendes mokantes Lächeln, denn man ist in diesem Metier ja eher emotional und unzuverlässig, oder eine etwas väterliche Erkundigung vom Standpunkt des Pragmatikers aus, „kann man denn davon Leben, welche Art von Kunst machen Sie, abstrakt oder erkennbar?“. Ich schwebte also aus dem Flughafen direkt in die Arme von Veronika und Ernst, die mich für unseren Videodreh in Empfang nahmen.

Veronika und Ernst hatten das Theater am Rabenhof organisiert, um dort mit einem Filmteam das Video „Hoch auf dem Rodn Wogn“ abzudrehen. Wir hatten ein Testteam bekommen, dass uns alle jeweils vor der Arbeit testete.  2 1/2 wundersam befreite Tage in der durchgetesteten Künstlerblase wurden zu einer kurzen Reise in das Lebensgefühl vor der Pandemie.

Der kulturelle Seitenwechsel dieser Drehtage war für mich eine besondere Erfahrung. Für Musiker ist es etwas normales, sich gemeinsam und professionell mit der Kunst des Anderen zu beschäftigen. Als Bildhauer passiert mir eigentlich alles was ich mache immer allein. Ich entscheide alles und übernehme auch die Verantwortung für alles allein. Nur bei einer Eröffnung eines Werkes, Vernissage oder Präsentation bin ich für kurze Zeit vielen Menschen ausgesetzt.

Der direkte Kontakt der Musiker mit dem Publikum, der hohe alltägliche Nutzwert von Musik, ist eine gänzlich andere gesellschaftliche Integration des Künstlers in seine Umgebung als beim Maler oder Bildhauer. Es war mir schon auf der Tournee bewusst geworden. Dort war die Band immer in der Gruppe unterwegs, ein ständiges Geben und Nehmen, beim Reisen, Proben und auf der Bühne, während ich allein mit meinem Bleistift dazwischen herumstrich und mein Papier füllte.

Nun, im Rabenhoftheater, sah ich plötzlich andere Künstler, Profis in ihrem Fach, stundenlang und ernsthaft mit meinen Puppen herumhantieren. Sie benutzten diese Puppen genauso respektvoll wie ihre Gitarren, Trommeln oder das Mikrofon. Die Regisseurin gab souveräne Anweisungen und stellte ihre Figuren immer wieder neu auf. Der Kameramann sprach die Anweisungen zu seinen Darstellern, präzise das „Material“ unterscheidend, mal als „Fleischköpfe“ an (was die Musiker meinte), dann wieder die nur die „Köpfe“, was offensichtlich die Porzellanpuppen meinte.

Für mich war diese Zusammenarbeit ein besonderes Geschenk und eine ungewöhnliche Erfahrung. Natürlich habe auch ich in meinem Beruf mit Menschen zusammenzuarbeiten, aber meistens auf einer geschäftlichen Ebene. Es geht um Vertragsdetails, um Realisierungszeiten, um den Preis der Arbeit, oder auch um Fragen der Sicherheit. Die Dinge die die Kunst betreffen sind meistens schnell abgehandelt. Viel mehr Zeit wird darauf verwendet eventuell den Preis noch etwas herunterzuhandeln, als über die Kunst zu sprechen.

Lara Scherpinski, die Regisseurin, hatte mir über Veronika, einige Wochen zuvor ihr Story-board für den Dreh zukommen lassen. Für die Kamera war Stephan Mussil eingeladen worden. Die beiden Profis führten  das Team in den folgenden Tagen sicher durch den Dreh. Während ausserhalb vom Theater ein wunderbarer Vorfrühling durch die Stadt zog, saßen wir im verdunkelten Theaterraum im Dampf der laufenden Nebelmaschinen und spielten die unterschiedlichen Einstellungen ein. Veronika hatte mir ein paar Wochen zuvor noch die Frage zugeworfen, ob ich ein paar Panoramen für den Hintergrund zeichnen könnte. Auch dieser Auftrag war wieder eine schöne Neuerfahrung gewesen, denn beim Zeichnen dieser Panoramen entdeckte ich wunderbare Möglichkeiten die nur beim digitalen Zeichnen entstehen können. Durch verschiedenen Zufälle gelang es mir animierte Gewitterlandschaften zu Zeichnen. Lara und Veronika hatten diese Panoramen für den Dreh in leinwandfüllender Größe auf die Bühne projiziert, vor der ich – als persönlicher Mechaniker des Roten Wagens  – die Kutsche zusammenzuschrauben hatte.

Nach den Drehtagen und der Landung in Berlin, am neuen und langweiligen Flughafen, stand ich wieder am Counter einem Beamten gegenüber, einem deutscher Zollbeamten. Wieder waren meine Papiere nicht vollständig und wieder löste sich das Problem ungewohnt wurschtelich und spontan. So wie ich überfordert gewesen war, schien der Zollbeamte ähnlich überfordert mit dem Durchsetzen der sich ständig ändernden Einreisebestimmungen. So einigten wir uns relative schnell auf die Vollständigkeit mit einigen  „ich habe noch dies“, „ist in Ordnung, dann nehme ich das“. 

Ratsuchend telefonierte ich aus der S-Bahn darauf noch mit dem Gesundheitsamt und der zuständigen Regierungsbehörde, um meine Auflagen für den Wiedereintritt in die Bundesrepublik abzugleichen. Alle waren freundlich und bemüht in der verworrenen Lage ihren fehlenden Durchblick nicht zu auffällig zu platzieren und überzeugten durch zuvorkommende Freundlichkeit.

Alles ist in Zeiten der Pandemie irgendwie anders und manches nicht so schlecht…