Carl Constantin Weber

You Are Viewing

A Blog Post

Venezia 2016, Maler Klecksels Exkursion, Venedig in mutigem Grau

Der Morgen begann Dunkelblau.

Vor Sonnenaufgang erlebt man in Venedig die seltenen Momente der Stille. Zu dieser Zeit lässt es sich gut durch freie Strassen rennen. Venedig füllt sich mit Menschen wie Blut, welches  Herzkammern und Gefäße flutet. Die Menschen dringen wie eine Flüssigkeit durch zentrale Einfallstrichter – Bahnhof und Vaporettostationen – in die entleerte Stadt. Von dort aus verteilen sie sich rasch, still und strahlenförmig durch die Strassen. Die Orte, die diesen Versorgungsstationen des öffentlichen Verkehrs am entlegensten sind werden zuletzt mit ausgeschlafenen und arbeitswilligen Menschen versorgt.  Läuft man gerade noch gänzlich allein, schwimmt man einen Moment später  im Strom durch das enge Gassennetz.

Die Laufrunde endet in der verführerisch duftenden Bäckerei ums Eck. Café, Wasser und warmes Gebäck wartet auf den einsamen Läufer. Eine besorgte Nachfrage des derangierten Sportlers nach ofenfrischen Fritelle lässt den Wirt auf Veneziano etwas ins obere Stockwerk rufen. Entfernt antwortet eine Stimme und kurz darauf trägt ein bepuderter Bäcker heisse Backwaren in den Verkaufsraum. So muss der perfekte Morgen des perfekten Tages gedacht gewesen sein.

Der Tag beginnt hingegen in mutigem Grau…

Wir schultern unsere Taschen und traben in den Morgen. Die Familie möchte nun selbst diese ideale Bäckerei besuchen, was Maler Klecksel die Gelegenheit verschafft erneut zu Frühstücken. Man trödelt durch das dichter werdende Gedränge Richtung Epizentrum. War im letzten Jahr der unmittelbar bevorstehende Karneval noch ein pittoreskes Zusammentreffen mit einzeln maskierten Gestalten, so driftet man nun, kurz vor dem Höhepunkt der Kostümierungsperiode, durch ein nicht enden wollendes Gedränge von kitschig Vermummten. An jeder Ecke kann man sich das rechte, oder linke Auge mit Strass und Glimmer bekleistern lassen. Casanova, oder der Pestdoktor tragen hundertfach ihre langen Nasen zur Schau. Neonfarbene Barockröcke wollen mit dem Selfiestick ins Format gepresst werden.

Überhaupt, der Selfiestick! Dieses Zepter des narzisstischen Wahnsinns wird uns an jeder Brücke penetrant feilgeboten: „Selfiestisck, Selfiestick“, mischt sich mit „Gondole, Gondole“…. „kann mich gar nicht entscheiden, alles so schön bunt hier“.

Schliesslich gehe ich zum entnervten Gegenschlag über und beginne schon am Fusse der Brücken selbst laut  „Selfiestisck, Selfiestick“ mitzusingen, bis auch die Verkäufer selbst lachen müssen. Man schliesst die Augen und träumt davon, wie ein Sprinter der im Station, nach gewonnener Goldmedaille die Hände der durch den Zaun gesteckten Zuschauer abklatscht, die Reihen der sich einem entgegenstreckenden handybesetzten Selfiestiscks ebenfalls abzuklatschen. Vor der Seufzerbrücke erreicht die Selfiestickeritis ihren absoluten Höhepunkt. Gegelte Jünglinge grinsen mit Solariumpatinierten Mädels ins eigene Display, im Hintergrund seufzt die Brücke ihr Leid.

Die Familie verschwindet in den Marcusdom, ich bewache die Rucksäcke, die dort nicht erlaubt sind und versuche mich mit dem Nebelgrau anzufreunden. Beim reinen Bleistiftbild geht nichts ohne Licht und Schatten, die Farbe hingegen sollte Nebeltage darstellen können, denn das Auge deutet kontrastarme Farbspektren sofort mit einer solchen Lichtsituation. In meiner Vorstellung nähere ich mich der Lösung, in der Realität tue ich mich noch etwas schwer, denn meine Farben sind in der Mehrzahl zu leuchtend gekauft.

Als meine Tochter mich mit den Stiften entdeckt tut sie sofort mit. Ich zeichne nun deutlich mehr mit Bleistift vor, auch Schraffuren, um dann immer weniger Farben aufzukolorieren.

Vater und Tochter zeichnen verschiedene Blätter, die Restfamilie kreist in der Umgebung, bis der Tank leer ist und landet jeweils pünktlich zur Fertigstellung bei uns.

Das Essen bleibt farbenfroh

Durch die Familie geht ein tiefer Spalt, was die kulinarische Zufriedenheit betrifft. Alle Familienmitglieder über 12 Jahren steuern mit leuchtenden Augen jede Bar, jeden Bäcker an, um kleine salzige, oder süße Sauereien zu bestellen. Diejenigen, die 12 oder weniger Jahre zählen stehen mit unzufriedenen Gesichtern im Laden und schütteln zu jeder Offerte den Kopf. Heiliger McDonald, warum hast Du uns gestraft? Wir können hier doch keine Hackfleischklopse mit flappigem Brot bestellen. Man kann in Italien offensichtlich auch verhungern, mitten in einer Salumeria.

Der Abend kommt in leuchtendem Rocke

Das Gedrängel und Gestolper durch venizianophile Jecken macht die Kinder müde und entnervt die älteren Semester im Verband.

Auf der letzten Brücke nähert sich ein selbstleuchtendes barockes Glühwürmchenpaar, so im Dunkeln ist das ganz hübsch anzuschauen. Wir betreten unsere garantiert jeckenfreie Wohnung und beginnen mit dem Abendritual.

Für Morgen ist Regen angekündigt.

 

 

 

Leave a Reply