Carl Constantin Weber

Portfolio

Porzellanladen 1.0

Ergebnisse Wahlfaches / elective
Master Architektur / DIA
WS 2017/18

Teilnehmer
D.Mast.
Maria Quittenbaum, Joan Linda Scheerbaum, Dmytro Safronov, Kavr Abid Abdulqader Shino
DIA
Novia Prima Billy, Caecilia Izabelle Gumulya, Sabina Silverstrovic, José Pinto, Aida Rosdi, Silvia Amor, Oh Jinyi

Vorwort
Freies bildhauerisches Arbeiten setzt Empathie für Form und Materialien und Geduld, etwas vergleichsweise langsam entstehen zu sehen voraus.
Vordergründig bringt der Wechsel von Architektur zu Bildhauerei Abwechslung. Für Architektur als künstlerische Profession ist dreidimensionales Formen selbstverständlich förderlich.
Bei genauerer Betrachtung erschließen sich eine Reihe profunder Gründe für den Architekten, sich mit dem Wissen der Bildhauer zu beschäftigen.

Versuch und Irrtum, von Fehlbrand zu Fehlbrand
Bis zu den ersten hier in der Ausstellung sichtbaren Erfolgen war ein langer Weg von Versuch und Irrtum zu beschreiten gewesen. Porzellan gilt als „zickiges“ Material, welches immer wieder für ungewollte Überraschungen gut ist. Die Versuchsreihen an den Werkstücken zogen sich über Monate hin. Jeder Fehlbrand im Ofen vernichtet unter Umständen die Bemühungen von Tagen oder Wochen.
Die Fehler, die sich eingeschlichen hatten, konnten die mannigfaltigsten Ursachen haben und waren somit schwer zu lokalisieren.
Es wurden Fehler im Nahtverlauf der Gussschalen gemacht. Die Gussrohlinge lösten sich deshalb aus einigen Schalenhälften nicht so wie gewünscht heraus und zerrissen.
Die Standzeit des flüssigen Porzellans in den Gipsschalen galt es herauszubekommen. Sie hängt von der Qualität des Gipses der Schalen ab und kann sehr unterschiedlich sein.
Die Verweilzeit des sich stabilisierenden Porzellans in den Schalen stellt einen weiterer Einflussfaktor dar, der unsichtbare Zerstörungen produzieren kann, die erst beim Brand sichtbar werden. Erst nach einer Phase der Festigung kann das noch feuchte Porzellanwerkstück aus der Gussschale genommen werden.
Wenn der Gussrohling gelang, stellte sich immer noch die Frage nach der korrekten Wandstärke. Zu dicke Wandungen neigen zum Zerreissen beim Brennen, zu dünne Wandungen sind schwer zu hantieren, oder kollabieren in der Nähe des Schmelzpunktes beim Brand im Ofen.
Die Brennkurven für Scherbenbrand und Glattbrand im Ofen waren suksessive auf das Material anzupassen.

Warum Porzellan?

Das weiße Gold der Chinesen ist ein optisch präzises Material, es hat einen delikaten sinnlichen Reiz.

Materialerfahrung im Berufsalltag
Hat man sich einmal dem gesamten Enstehungsprozess eines essentiellen Werkstoffes gestellt und dieses Material in ein fertiges Objekt verwandelt, so hat man, im besten Fall, ein besseres Verständnis für den Umgang auch mit anderen Werkstoffen erworben. Nicht umsonst geht man davon aus, dass ein gelernter Handwerker recht schnell auch in einem anderen Handwerk beruflich Fuß fassen könnte.
Nach einer solchen Erfahrung ist man sich eher bewusst, dass jeder Werkstoff seine prozessbedingten Eigenheiten im Bezug auf die zu entwerfende Form hat.
Im heutigen Berufsalltag des Architekten findet Entwerfen fast ausschließlich digital vor dem Bildschirm statt. Dieser Arbeitsrhythmus hat das Denken von Entwurfsprozessen grundlegend verändert.
In der Regel wird aus einem Raumprogramm und aus städtebaulichen Bedingungen eine Form und ihre Funktion entwickelt. Die Entscheidung in welchem Material gebaut werden soll hat sich dabei fast vollständig vom Formfindungsprozess getrennt. Die Materialwahl ist eine Art „tool“ Entscheidung geworden, die sich heute mehr mit den Entscheidungsfindungen bei der Animation im Filmdesign vergleichen läßt, als mit dem Schaffen eines Objektes aus einem physischen Material.
Die Fassade wird quasi ab einem bestimmten Moment mit dem Menüpunkt “Oberflächenmaterial“ wie mit einer Textur versehen. Die Entscheidung, welcher Baustoff zum Einsatz kommen soll, hat oft eher textilen Charakter als substantiellen.
Jedes Materials, ob es Holz, Stein, Stahl oder Keramik ist, verlangt nach seiner eigene Formenwelt, ganz schlicht aus konstruktiven Erwägungen.
Betrachtet man heute z.B. eine Steinfassaden, so ist diese nicht selten ein gut gemeintes Missverständnis. Man beobachtet tapetenartige Anmutung, die nichts weiter ist als eine Oberflächentextur. Man könnte sie z.B. durch Holzpaneele, oder Alubleche verlustfrei ersetzen, nichts läßt die Besonderheiten in Statik und Materialstärke erahnen. Die Wahrnehmung des Materials bleibt so oberflächlich, oder es fällt schwer dieses zu identifizieren.

Statik
Porzellan verlangt entschieden einen kundigen Umgang in der Formfindung, andernfalls kollabiert das Material spätestens im Ofen, wenn nicht schon zuvor beim Formen und Abformen.
Seine statischen Eigenschaften sind kompromisslos. Es ist faszinierend zu sehen, wie ein weiches, nachgiebiges Material wie Porzellan, oder auch Keramik sich in ein belastbares Material verwandeln, wenn man mit einem präzisen Kurvenverständnis für gute Krümmung arbeitet. Missachtet man die Gesetze der Statik für einen Moment reagiert das Objekt unmittelbar mit Destruktion.

Dreidimensionales Denken
Genau diese statisch stabilen Kurven sind in unserer visuellen Wahrnehmung die wirkenden Kriterien für eine optimale dreidimensionale Volumenanmutung. Diese Kongruenz von Statik und wahrgenommener Räumlichkeit ist ein großer Schatz, den es beim Bildhauern zu erfahren gibt.

Farbe und Form
So wie der schneeweisse Porzellanrohling aus dem Ofen kommt, ist er rein wie bestes Skizzenpapier und eignet sich hervorragend, um die Wechselwirkung von Form und Farbe zu erfahren. Die Farbe gibt dem Objekt eine malerische Erweiterung. Die Bemalungen können rein inhaltlicher Art sein, oder die gespannten Formen in einen interessanten Konflikt mit der zweiten Ebene, der Farbgestaltung bringen.

Aufrgund des umfangreichen handwerklichen Prozesses kamen die meisten Kursteilnehmer nicht mehr dazu sich diesem Thema zu widmen, schon weil ihre Porzellane schlicht noch nicht gegossen waren und ich diese Arbeit in der vorlesungsfreien Zeit für alle nachholte.
Aus diesem Grund sind die meisten Porzellanmodelle nur beispielhaft mit einer Bemalung versehen (Barcode), die eine Art „Platzhalter“ für das angedachte Bemalungskonzept bildet.

Prof. Carl Constantin Weber,
Dessau, 15/03/18

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